Beim ersten Mal in Kerala fiel mir ein Wort auf, das ich immer wieder hörte: Dosha. Es tauchte in Gesprächen mit den Ärzten auf, bei Erklärungen zu den Behandlungen und beim Essen, wenn jemand sagte, etwas sei gut für Vata oder passe besser zu Pitta.
Ich nickte damals meistens freundlich und verstand ziemlich wenig. Vata, Pitta, Kapha klangen für mich wie eine Geheimsprache, in die alle anderen längst eingeweiht waren. Nachfragen mochte ich nicht, weil ich nicht zugeben wollte, dass ich nichts verstand.
Seit 13 Jahren und mehr als zwanzig Kuren begleiten mich diese drei Begriffe nun. Nicht, weil ich sie für eine Wahrheit halte, die alles erklärt. Sondern weil sie mir eine Sprache geben, um über Fragen nachzudenken, für die mir früher die Worte fehlten. Warum bin ich abends so aufgedreht? Warum komme ich an manchen Tagen morgens kaum in Gang? Und warum reagiert mein Körper auf Stress anders als der von anderen Menschen?
In diesem Beitrag erzähle ich, was ich über die Doshas gelernt habe und was sie mir im Alltag bedeuten. Ich erkläre es so, wie ich es verstanden habe: ohne Fachsprache und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ich bin keine Ärztin und keine ayurvedische Therapeutin, sondern jemand, die viel erlebt und viel nachgefragt hat.
Die Idee dahinter: drei Kräfte statt einer Schublade
Im Ayurveda heißt es, dass jeder Mensch von drei grundlegenden Kräften geprägt ist, den Doshas. Man kann sie als Prinzipien verstehen, die beschreiben, wie Körper und Geist arbeiten. In der Tradition werden sie den fünf Elementen zugeordnet: Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Das klingt zunächst vielleicht esoterisch. Es ist aber vor allem ein sehr altes Bildersystem, mit dem Menschen vor langer Zeit versucht haben, ihre Beobachtungen zu ordnen.
Meine erste Reaktion war ehrlich gesagt Skepsis. Ich dachte an einen dieser Persönlichkeitstests, bei denen am Ende ein Typ herauskommt und man sich in eine Schublade gesteckt fühlt. Zum Glück wurde es mir anders erklärt. Die Doshas sind keine Schubladen. Sie sind eher wie drei Regler, die bei jedem Menschen etwas anders eingestellt sind und sich im Lauf des Lebens, der Jahreszeiten und sogar eines einzelnen Tages verändern können.
Er nimmt mir die Frage „Was bin ich?“ ab und ersetzt sie durch eine freundlichere: „Was brauche ich gerade?“
Vata: die Kraft der Bewegung
Vata wird in der Tradition mit Luft und Raum verbunden. Es steht für alles, was sich bewegt: den Atem, den Kreislauf, die Nerven und auch die Gedanken. Beschrieben wird es als leicht, beweglich, kühl und trocken.
Menschen, bei denen Vata stark ausgeprägt ist, gelten als kreativ, lebhaft und schnell zu begeistern. Sie haben viele Ideen, wechseln gern das Thema und kommen oft mit wenig Schlaf aus, zumindest für eine Weile. Gerät Vata aus dem Gleichgewicht, heißt es, zeigt sich das eher in Unruhe: Der Kopf kommt nicht zur Ruhe, der Schlaf wird leicht, die Verdauung unregelmäßig, die Hände und Füße bleiben kalt. Die Haut wird trocken, und man fühlt sich schnell überfordert.
Wenn ich ehrlich bin, erinnern mich manche dieser Beschreibungen an die Zeit vor meiner ersten Reise: schlechter Schlaf, ein Kopf, der nie stillstand, Essen nebenbei. Ob das ein Zufall ist oder ein Muster, kann ich nicht beurteilen. Mich hat es aber neugierig gemacht, dass diese Dinge in der Tradition zusammen gedacht werden und nicht als einzelne Beschwerden, die man getrennt voneinander wegschieben soll.
Pitta: die Kraft der Umwandlung
Pitta steht für Feuer und Wasser. Es ist das Prinzip der Umwandlung: Verdauung, Stoffwechsel, aber auch die Art, wie wir Eindrücke verarbeiten und Entscheidungen treffen. Die Eigenschaften, die ihm zugeschrieben werden, sind warm, scharf, intensiv und klar.
Menschen mit viel Pitta beschreibt man als zielstrebig, fokussiert und ehrgeizig. Sie haben meist einen guten Appetit und ein klares Urteil, übernehmen gern Verantwortung und sind oft ausgezeichnete Organisatoren. Gerät Pitta aus dem Gleichgewicht, sagt die Tradition, dann wird aus Zielstrebigkeit schnell Ungeduld. Die Menschen werden reizbar und perfektionistisch, fühlen sich schnell überhitzt und können es schwer aushalten, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Auch Hautreizungen und Magenbeschwerden werden dieser Kraft zugeordnet.
Ich kenne diese Beschreibung von Menschen in meinem Umfeld sehr gut, und manchmal von mir selbst, wenn die Termine sich stapeln und alles gleichzeitig erledigt sein soll. Mir hilft es, das nicht als Charakterfehler zu sehen, sondern als ein Signal: Jetzt läuft etwas heiß, und es wäre Zeit, für ein wenig Kühle zu sorgen.
Kapha: die Kraft der Struktur
Kapha verbindet Erde und Wasser. Es steht für Struktur, Stabilität und Zusammenhalt, für alles, was Halt gibt und nährt. Seine Eigenschaften sind schwer, langsam, weich und kühl.
In der Tradition gelten Menschen mit viel Kapha als ruhig, geduldig und ausdauernd. Sie sind verlässlich, treu und strahlen oft eine große Gelassenheit aus. Sie gehen Dinge langsamer an, dafür bleiben sie dabei. Ist Kapha im Ungleichgewicht, entsteht daraus eher Trägheit: Der Antrieb fehlt, morgens ist es schwer, in Gang zu kommen, und man hält an Gewohnheiten fest, auch wenn sie einem nicht mehr guttun. Das Gefühl von Schwere gehört ebenfalls dazu.
Bei Kapha musste ich lange nachdenken, was mir das Bild sagt. Heute verstehe ich es so: Auch Beständigkeit und Ruhe sind eine Stärke, solange sie nicht in Stillstand kippen. Vielleicht liegt darin die Erinnerung, dass man manchmal einfach in Bewegung kommen muss, bevor die Lust darauf von allein erscheint.
Meist sind wir eine Mischung
Was ich anfangs nicht wusste: Kein Mensch ist nur Vata, nur Pitta oder nur Kapha. Wir tragen alle drei Kräfte in uns, nur eben in unterschiedlicher Gewichtung. Meist ist eine Kraft stärker ausgeprägt, oft sind es zwei, und manchmal halten sich alle drei die Waage.
Die Tradition unterscheidet dabei zwei Dinge. Die Grundkonstitution, Prakriti genannt, soll jedem Menschen von Geburt an mitgegeben sein. Sie beschreibt, wie man im Kern „eingestellt“ ist. Daneben gibt es Vikriti, den aktuellen Zustand. Er zeigt, welche Kraft gerade aus dem Gleichgewicht geraten ist, etwa durch Stress, zu wenig Schlaf, unregelmäßiges Essen oder die Jahreszeit.
Genau darum ging es bei meiner ersten ärztlichen Konsultation in Kerala. Der Arzt fragte nach meinem Schlaf, meinem Hunger, meiner Verdauung und danach, wie ich mich im Alltag fühlte. Damals fand ich das ungewohnt. Heute verstehe ich, dass es um ein Bild des Ganzen ging. Neben dem Gespräch nutzt man in der Tradition auch andere Methoden, etwa die Beobachtung des Körpers und die Pulsmessung.
[Hier kannst du ergänzen, welche Konstitution bei dir festgestellt wurde, falls du das teilen möchtest. Wenn nicht, lösche diesen Absatz.]
Ein Hinweis zu den vielen Tests im Internet: Du findest dort zahlreiche Fragebögen, die versprechen, deinen Dosha-Typ in fünf Minuten zu bestimmen. Ich halte sie für ein nettes Spiel, aber nicht für eine verlässliche Auskunft. Ein Gespräch mit einer erfahrenen Ärztin oder einem Arzt ersetzen sie nicht.
Was mir das Modell im Alltag gibt
Ich nutze die Doshas nicht als Regelwerk, an das ich mich halten müsste. Für mich sind sie vor allem ein Frageraster, das mir hilft, auf mich zu achten. Wenn ich abends nicht abschalten kann, frage ich mich: Bin ich gerade eher unruhig und ausgekühlt? Wenn ich gereizt bin und alles zu langsam geht: Läuft bei mir etwas heiß? Und wenn ich schwer in Gang komme: Fehlt mir Bewegung und Anregung?
Die Gewohnheiten, die ich in meinem ersten Beitrag beschrieben habe, passen für mich gut zu diesen Fragen. Warm essen, regelmäßige Mahlzeiten, warmes Wasser über den Tag, früher ins Bett gehen und mir vor dem Duschen Zeit für eine Selbstmassage mit Öl nehmen: Genau solche Dinge nennt die Tradition, wenn es um mehr Ruhe und Wärme geht. Ob die Wirkung wirklich vom Dosha-Modell kommt oder schlicht davon, dass ich mir überhaupt Zeit für mich nehme, kann ich nicht sagen. Mir tut es gut, und das reicht mir.
Auch die Jahreszeiten spielen in diesem Denken eine Rolle. Der Herbst gilt in der Tradition als eine Zeit, in der Kälte, Wind und Trockenheit zunehmen und damit Vata. Gerade jetzt, im Oktober, fällt mir das auf. Mein Körper mag es lieber warm, ich esse mehr gekochte Speisen, und ich merke, wie wichtig mir feste Zeiten sind, wenn draußen alles in Bewegung ist.
Was ich dabei nicht behaupte
Damit es nicht missverstanden wird: Die Doshas sind ein traditionelles Modell. Sie sind kein medizinisch bewiesenes Diagnosesystem, und ich verspreche mit diesem Beitrag keine Wirkung. Wie bei allem, was ich hier schreibe, gebe ich meine eigene Erfahrung und meine Sicht wieder.
Die Doshas sind für mich eine Denkhilfe, kein Urteil über dich oder deine Gesundheit. Bei Beschwerden gehst du bitte zu einer Ärztin oder einem Arzt. Ayurveda kann eine Ergänzung sein, ersetzt aber keine medizinische Behandlung.
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass du dich in manchen Beschreibungen wiedererkennst und in anderen überhaupt nicht, ist das völlig in Ordnung. Genau so sollte es sein. Das Modell lädt zum Beobachten ein und nicht zum Einordnen.
Wie es weitergeht
Wer mehr über die Doshas wissen möchte, findet in Büchern und bei Ayurveda-Ärzten viel Tiefe. Ich werde hier in den nächsten Beiträgen vor allem erzählen, wie ich Ayurveda erlebe. Als Nächstes möchte ich dir zeigen, wie ein Tag in einer Kur aussieht, vom Aufstehen bis zum Abend. Danach schreibe ich über den Stirnguss, den ich so gern mag, und über Rituale, die ich mit nach Hause genommen habe.
Vielleicht magst du mir verraten, welcher der drei Beschreibungen du am ehesten zustimmst, oder ob du dich in keiner richtig wiederfindest. Ich bin gespannt auf deine Gedanken.
Schön, dass du hier bist.
Mira

